Über das bloße Meinen

Herr Keiner hielt nichts davon, auf eine eigene Meinung Wert zu legen. Er sagte: „Für das Denken ist es nicht wichtig, ob es etwas Eigenes ist. Das Denken muss darauf gerichtet sein, einen Sach­verhalt richtig zu erklären.

Bei einer eigenen Meinung aber wird eine Überlegung zu einer bloßen Ansichtssache, zu etwas bloß Subjektivem, welches keinen Anspruch auf Richtigkeit und Wahrheit hat.

Das bringen die Menschen, die ihre Gedanken als Meinung vor­tragen, selbst zum Ausdruck. Mit der hinzugefügten Aussage ‚Das ist bloß meine Meinung’ wird eigens darauf hingewiesen, dass es nicht darum geht, etwas Objektives über den Gegenstand einer Unterhaltung oder eines Streits herauszufinden. Die vorge­tragenen Meinungsverschiedenheiten sind nur dazu da, dass sie zur Kenntnis gegeben werden.

„Wozu soll das gut sein?“, fragte Herr K. „Da braucht man sich die Mühe des Denkens erst gar nicht zu machen, wenn dabei nur herauskommt, dass man etwas so oder so sehen kann. Dass es noch andere eigene Meinungen über einen Sachverhalt gibt, die auch ihr Recht haben.“

Herr K. war sich im Klaren darüber, dass er mit seinen Gedanken das angesehene Recht auf Meinungsfreiheit in Misskredit brachte. Doch dies war seine Absicht, denn es ärgerte ihn, ein Recht für gut zu befinden, das den Bürgern vorschreibt, ihre Gedanken in Form des bloßen Meinens aneinander zu relativieren.

Er sagte: „Eine schöne Freiheit ist das! Sie wird einem von denen gewährt, die ihrerseits klar zum Ausdruck bringen, dass ihre Äußerungen nicht mit einer Meinung zu verwechseln sind.

Sie haben die Macht und machen Gesetze. Da gibt es kein ‚bloß’  und nichts Subjektives; was sie zu sagen haben, ist keine An­sichtssache. Die Äußerungen der Oberen nehmen für sich in Anspruch, objektiv gültig zu sein.“

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© HerrKeiner.com  2. Juli 2020