Soziale Reformen früher und heute

Herr K. hörte Arbeiter darüber klagen, dass soziale Reformen heutzutage im Unterschied zu früheren Zeiten nur noch Negatives bedeuteten. Einer von ihnen sagte: „Konnte man früher bei der Ankündigung sozialer Reformen auf eine Verbesserung seiner Lage hoffen, ist heute das Gegenteil der Fall. Alle Reformen der letzten Jahre haben die Lebenslage der Arbeiter verschlechtert, und wie es aussieht, geht es auch in Zukunft so weiter.“

Herr K. sagte: „Dieser Unterschied ist aus Sicht der Betroffenen nicht zu übersehen. Doch vielleicht ist es nützlich, diese Sachlage einmal vom Standpunkt der Herrschenden zu betrachten. Denn der hat sich in all den Jahren nicht geändert.

Was die Arbeiter früher als positiv empfanden, war von der Ab­sicht der Regierenden getragen, für die Bedürfnisse der Wirtschaft eine ausreichende Versorgung mit Arbeitskräften zu sichern. So war die gezahlte Hilfe für die Arbeitslosen darauf berechnet, dass deren Arbeitskraft bald wieder gebraucht wurde. Heute gibt es Arbeitssuchende im Überfluss, da gelten die Arbeitslosen nur noch als lästiger Sozialfall, der entsprechend schlecht behandelt wird. Das bekommen auch die Arbeiter zu spüren, denn die massenhafte Nachfrage nach Arbeit drückt auf den Preis, den die Arbeiter für ihre Arbeit bekommen.“

Einer der angesprochenen Arbeiter sagte: „So habe ich mir das noch nicht überlegt, Wenn die Oberen einem mal etwas Gutes tun, sollte man sich immer nach den Berechnungen erkundigen, die damit verbunden sind, dann kann man sich wenigstens seine Illusionen ersparen.“

„Ja, so etwas hatte ich gemeint“, sagte Herr K. „Doch besser wäre es, sich nicht nur seine Illusionen zu ersparen. Man kann noch mehr für sich tun, man kann auch etwas dafür tun, diese Reformen zu bekämpfen.“

„Das stimmt“, sagte einer der Arbeiter nachdenklich. „Darüber sollten wir mal nachdenken.“

© HerrKeiner.com  2. Juli 2020