Sein und Haben

Auf einem Transparent, das bei einem Protestmarsch gegen den Einsatz von Atomenergie mitgeführt wurde, las Herr Keiner den Satz: „Wir wollen nicht haben, sondern sein.“

„Das ist kein vernünftiges Anliegen“, sagte Herr K., „weil es das Haben-Wollen, also den Materialismus der Unteren mit dafür verantwortlich macht, dass sich die Oberen für den Einsatz einer hochgefährlichen Art der Energiegewinnung entschieden haben.“ Herr K. fragte: „Sind es nicht die Verhältnisse, welche die kleinen Leute darauf angewiesen machen, mit möglichst billigem Strom versorgt zu werden? Und: Sind es nicht dieselben Verhältnisse, in denen mit der Versorgung der Menschen mit Strom ein Geschäft gemacht wird, ein Geschäft, das auch den Einsatz von gefähr­licher Atomenergie lohnend macht?

Daher kann es nicht vernünftig sein, für das bloße Sein, also für mehr Bescheidenheit bei der Bevölkerung zu werben. Von einem Leben, das nur das bloße Existieren-Können vorsieht, hat ein Großteil der Unteren ohnehin schon mehr als genug.“

Herr K. empfahl dagegen, für mehr Materialismus bei den kleinen Leuten zu werben. „Man muss den Reichtum haben wollen, von dem man in dieser Wirtschaftsweise ausgeschlossen ist. Denn nur so lassen sich Verhältnisse erstreiten, in denen es sich angenehm leben lässt. Verhältnisse, in denen es keinen Grund mehr dafür gibt, mit einem lebensgefährlichen Energieträger versorgt zu werden.“

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© HerrKeiner.com  2. Juli 2020