Pestizide und Verbraucher

Herr G., der befreundete Lehrer, kam zu Herrn K. und beschwerte sich über die Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. „Es ist doch immer wieder das Gleiche. Da werden einem in Bild und Ton die schlimmsten Auswirkungen der herrschenden Produktionsweise vorgeführt, doch einen Rückschluss auf die schädliche Zwecksetzung der ‚freien Marktwirtschaft‘ ist nie zu vernehmen.“

Als Herr G. den fragenden Blick von Herrn K. bemerkte, fuhr er fort: „Ich habe einen Bericht über den Bananenanbau in Lateinamerika gesehen, in dem nicht nur von den Hungerlöhnen der Plantagenarbeiter berichtet wurde, die für 10 bis 12 Stunden Arbeit am Tag mal gerade 10 Dollar bekommen. Es wurde auch gezeigt, dass die Plantagen beständig und flächendeckend von Flugzeugen aus mit krebserzeugenden Pestiziden besprüht werden, was nicht nur zu massiven gesundheitlichen Schädigungen bei den Arbeitern, sondern auch bei der Bevölkerung in der Umgebung der Plantagen führt. Doch welchen Schluss zieht der TV-Bericht aus diesen aufgezeigten Fakten? Dass ‚wir alle‘ an diesen Verhältnissen schuld seien, wir in der Eigenschaft als ‚Verbraucher‘, die die Bananen immer möglichst billig und mit fleckenloser Schale auf den Tisch bekommen wollen.“

„Ja, diese Botschaft ist höchst weltfremd, jedenfalls für die Masse der Verbraucher“, sagte darauf Herr K., „denn die gehören in ihrer Eigenschaft als Lohnempfänger in vergleichbarer Weise zu den Geschädigten eines Wirtschaftssystems, das auch den Plantagen­arbeitern in Lateinamerika zu schaffen macht. Oder hat man schon mal davon gehört, dass die Unternehmer hierzulande mit entsprechendem Aufschlag auf die Lohnzahlung dafür Sorge tragen, dass in den Arbeiterhaushalten nur ‚fair-trade‘- Produkte auf den Tisch des Hauses kommen? In Wahrheit ist die Mehrheit der Menschen aufgrund notorisch mangelnder Kaufkraft geradezu dazu gezwungen, die Billigangebote der großen Handelsketten wahrzunehmen.“

„Nicht zu vergessen die tatkräftige Mithilfe des Staates“, sagte Herr G. „Denn der hat mit seinem ‚Regelbedarfs-Ermittlungsgesetz‘ für die vielen Sozialfälle im Lande festgeschrieben, dass den Betroffenen gerade mal 128 Euro im Monat für ‚Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke‘ zustehen. Wenn diese Sozialfälle auch noch gerne mal ein Bier trinken, ist selbst für Billigbananen kaum noch etwas übrig.“

„Das sollte man wirklich nicht vergessen, um zu zeigen, wie es um die ‚Macht des Verbrauchers‘ bestellt ist“, antwortete Herr K. „Diese Botschaft taugt nur dazu, dem Menschen bei allem, was diese Wirtschaftsweise an Schäden hervorbringt, ein schlechtes Gewissen zu machen. So wird das Kaufverhalten der Menschen zum moralischen Problemfall, die herrschenden Produktionsverhältnisse bleiben außen vor.“

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Herr Keiner und die Umwelt

© HerrKeiner.com  2. Juli 2020