Markt oder Plan

Herr K. las in einer Zeitschrift von einer Virus-Erkrankung, mit der starke Durchfälle einhergingen, an der Jahr für Jahr Hundert­tausende von Kindern in den Ländern Afrikas und Asiens starben. In dem Bericht war auch zu lesen, dass bereits ein Impfstoff gegen diese Krankheit entwickelt worden sei, dieser aber nicht für diese Länder produziert würde, weil dort kein „vielver­sprechender Markt“ anzutreffen sei.

„Was ist das für eine Wirtschaftsweise“, dachte Herr K., „für die Bedürfnisse nur zählen, wenn sich mit ihnen lohnende Geschäfte machen lassen“.

Noch mit diesen Gedanken im Kopf traf Herr K. bei einem Gang durch die Stadt zufällig auf Herrn S., der als Professor der Wirtschaftswissenschaft ein berufsmäßiger Freund der Markt­wirtschaft war. Als ihm Herr K. die Geschichte von dem vorenthaltenen Impfstoff erzählte, sagte dieser: „Sicher, es kommt immer wieder mal vor, dass die Mechanismen des Marktes nicht greifen, aber Sie müssen doch zugeben, Herr K., dass sich keine andere Wirtschaftsweise als so effizient erwiesen hat wie unsere freie Marktwirtschaft, auf jede Nachfrage mit dem passenden Angebot zu reagieren.“

„Sie reden in den Worten der Propaganda, nicht der Wahrheit“, sagte darauf Herr K., dem anzumerken war, wie sehr ihn die Worte des Herrn S. erzürnten. „Denn der von mir erwähnte Bericht zeigt nicht, dass die Marktmechanismen nicht gegriffen haben, sondern wie sie gegriffen haben. Denn vom Standpunkt der freien Marktwirtschaft ist eine Nachfrage, die nicht zahlungsfähig ist, keine Nachfrage. Also wird sie auch nicht bedient, rücksichtslos gegen die Bedürfnisse der Menschen, die so auf der Strecke bleiben.“

Nach diesen Worten wandte sich Herr K. zum Gehen, da nicht zu übersehen war, dass Herr S. in seiner Parteinahme für die Marktwirtschaft durch nichts zu erschüttern war. „Aber Herr K.“, rief ihm Herr S. hinterher, „wie würde denn die von Ihnen bevorzugte Planwirtschaft das Problem mit dem Impfstoff lösen?“

Herr K. blieb stehen und sagte: Wie kann das nur eine Frage sein? Der Impfstoff würde dahin geschafft, wo er benötigt wird und das  so schnell wie möglich.“

Nach diesen Worten setzte Herr K. seinen Gang durch die Stadt fort. Es war ihm nicht entgangen, dass Herr S. ihm kopfschüttelnd nachsah.

© HerrKeiner.com  2. Juli 2020