Länderkunde

Bei einem geselligen Treff machte Herr K. die Bekanntschaft einer jungen Frau. Sie war dunkel und von auffällig uneinge­bildeter Schönheit. Da er gehört hatte, dass sie von einer Insel stammte, die gemeinhin als „Trauminsel“ gepriesen wurde, fragte er sie, was von dieser Bezeichnung zu halten sei. Die junge Frau antwortete: „Es kommt ganz darauf an, für wen. Für diejenigen, die sich etwas leisten können, ist die Insel zweifellos eine Traum­insel. Sie leben an Plätzen, wo sie die Schönheit der Natur unge­stört genießen können. Für die, die diese Möglichkeiten nicht haben, weil sie arm sind, sieht die Insel ganz anders aus. Für sie sieht ihre Umgebung so ähnlich aus wie hier in der Nordstadt, so ähnlich wie in den Vierteln, in denen die Armen und Ausländer wohnen.“

Darauf sagte Herr K. „Bei der Betrachtung fremder Länder denkt man zu oft in den Bildern, die von diesen Ländern verbreitet werden. Man sieht die Türkisfarben ihrer Meere, das Grün ihrer tropischen Wälder, die prunkvollen Bauten ihrer Städte. Doch für die, die in diesen Ländern leben und nicht das Lebensnotwendige besitzen, hat dies nur wenig Bedeutung. Sie sind hauptberuflich mit ihrem Überleben beschäftigt.“

© HerrKeiner.com  2. Juli 2020