Kosten-Umwälzung

Herr K. las in der Zeitung, dass die Regierung mal wieder ein Sparprogramm aufgelegt hatte, um das Land als Kapitalstandort in der Konkurrenz mit den anderen Ländern attraktiv zu machen. Dieses Programm ging einmal mehr zu Lasten der kleinen Leute, vor allem der vielen Sozialfälle, die sich in dem Land in den letzten Jahren rasant vermehrt hatten.

„Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, dass so arm kein Mensch sein kann, als dass die Herrschenden nicht noch etwas aus der Armut herausquetschen können“, sagte Herr K. Doch dieses Mal, so war zu erfahren, hätten die Regierenden aus der Kritik an ihren Verarmungsprogrammen gelernt. Sie hätten auch besserverdienende Unternehmen in das Programm einge­schlossen. Doch ein Satz des amtierenden Finanzministers machte Herrn K. stutzig. Der Mann sagte, dass er bei den Sparmaß­nahmen für die Wirtschaft davon ausgehe, dass diese ihre Kosten umwälzen werde.

„So funktioniert die soziale Ausgewogenheit in einer Klassen­gesellschaft“, sagte Herr K. „Die Großen werden belastet und dann wieder doch nicht, weil sie die Macht haben, in den Preisen der Produkte, die sie zu verkaufen haben, ihre Kosten an den Ver­braucher weiterzureichen.

Die kleinen Leute werden mit dieser Art Ausgewogenheit also gleich doppelt belastet: Sie zahlen direkt als Betroffene der neuen sozialen Reformen, sie zahlen als Abhängige von den wirtschaft­lich Mächtigen, die ihre Kosten gleich an die Kleinen weiter­geben.

Die Kleinen heißen also mit Recht ‚Endverbraucher’“, sagte Herr K., „denn sie haben am Ende niemanden, auf den sie ihre Kosten umwälzen können. Die bleiben bei ihnen hängen, außer: Sie weigern sich, diese sozialen Reformen gutzuheißen. Warum soll man für einen attraktiven Kapitalstandort sein, wenn der auf Kosten der Unteren attraktiv gemacht wird?“

Lesetipp:

Wirtschaftliche Krise

© HerrKeiner.com  2. Juli 2020