Kamikaze

Herr K. sah sich zumeist das Fernsehprogramm erst zu mitter­nächtlicher Stunde an, da zu dieser Zeit häufig eine kritische Berichterstattung zu Wort kam, welche die Sender den Zuschauern des Abendprogramms offenbar nicht zumuten wollten. So sah er einen Bericht über die Kindersoldaten, die im letzten großen Krieg die Order hatten, im Sturzflug feindliche Schiffe zu treffen und dabei ihr Leben zu opfern.

In dem Fernsehbericht kamen zwei Überlebende der Kamikaze-Mannschaft zu Wort, deren Darstellung manches von dem revidierte, was Herr K. bislang über diese Art Selbstmord­attentäter gehört hatte. Denn es war zu erfahren, dass die 14 – 16jährigen, die in einem Kurzlehrgang auf ihren Einsatz vorbereitet wurden, allesamt große Angst vor ihrem Auftrag hatten. Die Überlebenden berichteten, dass die kasernierten Jungen viel weinten und dass sie von ihren Vorgesetzten mit Alkohol abgefüllt wurden, um sie so in die passende kriegerische Stimmung zu versetzen.

Herr K., der über die Botschaft der Sendung sehr erleichtert war, sagte: „Den behaupteten selbstlosen Fanatismus, der sich freudig für Volk und Vaterland in den Tod stürzt, den gibt es nur in der nationalen Propaganda. Das ist ein Wunschbild und nicht die Wirklichkeit von Menschen, die bei aller falschen Vaterlandsliebe auch an ihrem Leben hängen und dies nicht umstandslos aufgeben wollen.“

Und Herr K. fügte hinzu: „Das wissen im Übrigen auch die Ver­antwortungsträger, wenn sie ihre Untergebenen darauf vorbe­reiten, für das Vaterland in den Krieg zu ziehen. So gibt es in jeder militärischen Ausbildung auf der Welt das strikte Regime von Befehl und Gehorsam, was eventuelle Einwände der Soldaten gegen das verordnete Töten kategorisch ausschließt.“

Darauf meldete sich ein Diskussionsteilnehmer zu Wort und sagte: „Ich kann Ihre Ausführungen, soweit es den Einsatz von Soldaten betrifft, gut nachvollziehen. Doch was ist mit denjenigen Selbstmordattentätern, welche freiwillig und zumeist aus religiösem Fanatismus das eigene Leben opfern?“

Herr K. antwortete: „Auch hier ist das Bild überzeichnet, wenn gesagt wird, dass diese Menschen gern ihr Leben lassen, weil sie darauf setzen, ein gutes Leben nach ihrem Tod zu erwarten. An so etwas mögen sie glauben, doch mit jedem Glauben, gerade weil er mit etwas Unbeweisbarem zu tun hat, geht sachnotwendig der Zweifel einher.

Das ist an der Konstruktion des christlichen Glauben genau nachzuvollziehen: Warum wurde das Bild eines Gottes konstruiert, der auf die Erde herabsteigen muss, damit man sehen kann, dass es ihn auch wirklich gibt? Warum musste dieser Mensch Jesus Wunder tun, also etwas vollbringen, was den Menschen unbegreiflich erschien und so auf eine höhere Macht verwies? Das haben sich die Schreiber der Bibel gut ausgedacht: Sie haben alles getan, um die Zweifel zu zerstreuen, die den gläubigen Menschen ein Leben lang begleiten.“

Derjenige, der nach den religiösen Selbstmordattentätern gefragt hatte, sagte: „Ihre Argumente zur Religion leuchten mir ein, denn ich war früher selbst religiös, und es war eine der Sünden, die ich regelmäßig beichtete, dass mein Glaube nicht stark genug war, um keine Zweifel an ihm aufkommen zu lassen.“

„Daher sollte man auch bei der Beurteilung religiöser Kamikaze vorsichtig sein“, sagte Herr K., „denn auch das gibt es als wider­spruchsfreie Selbstlosigkeit nur in der religiösen Propaganda, aber nicht in der gesellschaftlichen Wirklichkeit.“

Lesetipp:

Volksgemeinschaft und Fremdenfeindlichkeit

© HerrKeiner.com  2. Juli 2020