Herr K. und die Psychologie

Herr Keiner wandte sich entschieden dagegen, die Wissenschaft der Psychologie für eine vernünftige Form menschlichen Denkens zu halten. Er sagte: „Was ist das für eine Wissenschaft, die damit beschäftigt ist, den Handlungen der Menschen ihren objektiven Inhalt und Zweck zu bestreiten? Eine Wissenschaft, die alle Schwierigkeiten, die die Menschen in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen haben, zu Problemen ihres seelischen Innenlebens erklärt, zu einer bloßen Auseinandersetzung der Menschen mit sich selbst.

Das ist am Beispiel der psychologischen Aussage über einen Menschen, dass er als „aggressiv“ zu beurteilen sei, gut zu erklären. Denn damit ist ausgedrückt, dass es sein Problem sei, immer so aggressiv zu reagieren.

Doch gibt es da nicht eine Schule, eine Arbeitswelt, ein eheliches Vertragsverhältnis, was kleine wie große Menschen mit Grund zornig machen kann?“, fragte Herr K. „Vielleicht haben die Menschen nicht immer vernünftige Gründe für ihren Zorn, aber dann muss man darüber reden und nicht darüber, dass diese Menschen ein Problem mit sich selbst haben. Dass sie der Pro­blemfall sind, wenn sie, womöglich lautstark, ihrem Ärger Luft machen.“

„Aber Herr K.“, meldete sich ein Teilnehmer der Diskussions­runde zu Wort, „übersehen sie nicht in ihrer Kritik an der Psycho­logie, dass diese viele Erfolge vorzuweisen hat, wie Menschen mit Problemen geholfen werden kann?“

„Das übersehe ich keineswegs“, sagte Herr K. „Das ist es gerade, was mich ärgert. Wenn die Psychologie Kindern mit Recht­schreibproblemen oder Kindern, die man früher harmlos ‚Zappel­philipp’ nannte, eine ausgewachsene ‚Störung’ nachsagt, dann verstört sie diese Kinder. Sie lernen mit Krankheiten umzugehen, die sie gar nicht haben. So bekommen Millionen Kinder und Jugendliche auf dieser Welt wegen eines angeblichen ‚Aufmerksam­keitsdefizits’ schädliche Tabletten, womit sie einfach ruhig gestellt werden, damit die Psychologen und Erzieher ihre Ruhe haben.

Die Psychologie hilft nur denen, die ihre falsche Diagnose teilen“, sagte Herr Keiner. Doch bei genauerer Betrachtung ist auch das nur Schein. Denn in Wirklichkeit wird nicht den Menschen geholfen, sondern den Verhältnissen, die ihnen zu schaffen machen. Die Menschen lernen von den Psychologen, wie man sich selbst kontrolliert. Was die Menschen lernen, das sind Techniken der Anpassung an diese Verhältnisse.

Die Psychologie gedeiht in Herrschaftszeiten, in denen die Menschen leider zu sehr darum bemüht sind, mit diesen schlechten Verhältnissen zurechtzukommen. Das ist der Nähr­boden für die große Nachfrage nach psychologischer Hilfe.

„Was würden sie denn den Psychologen raten, was sie besser machen sollten“, fragte derjenige, der schon zuvor eine Frage gestellt hatte.

Herr K. antwortete: „In diesem Beruf kann man nichts besser machen. Nur die menschlichen Fälle der Psychologie können etwas besser machen, sie sollten sich bemühen, vernünftig zu denken. In diesen Fällen hat die Psychologie jede Bedeutung verloren. Und das würde mich freuen“, fügte Herr K. hinzu, „denn die Mehrheit der Menschen hat ohnehin schon genug Probleme, da braucht man sich nicht auch noch welche einreden zu lassen.“

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Wahrnehmungs-Fehler

© HerrKeiner.com  2. Juli 2020