Frage nach dem Gemeinsinn

Herr K. wurde gefragt, was er denn Nützliches für das Gemein­wohl leiste. Man wisse ja, dass er daran vieles auszusetzen habe, aber er würde doch auch von den Leistungen des Gemeinwohls profitieren.

Herr K. überlegte eine Zeit lang und sagte: „Mir will so recht kein Nutzen einfallen, den ich vom Gemeinwohl habe. Mir fällt nur ein, dass ich für alles, was ich haben will, zahlen muss. Und das Gemeinwohl kassiert immer mit. Ich zahle für den Strom, den ich verbrauche, das Bier, das ich trinke, den Mülleimer, den ich be­nutze, das Benzin, das ich tanke, den Platz, auf dem ich parke …“ „Genug, genug, Herr K., Sie brauchen die Aufzählung nicht fortzusetzen“, sagte die Frau, die die Frage gestellt hatte. „Doch was ist mit den Leistungen des Sozialstaats, welche Sie ja auch in Anspruch nehmen?“

Herr K. antwortete: „Das ist ein verbreiteter Irrglaube, dass der Staat auf diesem Gebiet etwas zu verschenken hätte. „Die Leistungen des Sozialstaats muss ich auch bezahlen, das kann ich meiner Gehaltsabrechnung entnehmen. Diesen Teil meines Ge­halts bekomme ich erst gar nicht zu Gesicht.“

Da Herr K. bemerkte, dass seine Antworten die Fragestellerin immer noch nicht befriedigten, fügte er hinzu: „Vielleicht freut es Sie zu hören, dass auch ich gar nicht umhin komme, meinen Gemeinsinn unter Beweis zu stellen. Ich bin nämlich ein Sparer.“

Die Frau schaute erstaunt und sagte: „Aber Herr K., das Sparen machen Sie doch für sich, zum Vorteil ihrer eigenen Interessen.“

„Das dachte ich früher auch einmal“, antwortete Herr K. „Doch gerade erst habe ich einen Brief von meiner Sparkasse be­kommen, in dem diese mir mitteilte, dass der Zinssatz für mein Sparkonto auf 0,9 Prozent festgelegt wurde. Bedenkt man die aktuelle Inflationsrate, so ist das für mich ein Verlustgeschäft. Doch wie ich meine Geldverwalter kenne, bringen es die mit meiner Sparanlage zu einer wundersamen Geldvermehrung. Denn sie müssen nur die vielen, vielen kleinen Einlagen zu einer ganz großen Summe bündeln, und schon tun sich Anlagemöglichkeiten auf, von denen ein kleiner Sparer wie ich nur träumen kann.

 

Sie sehen also“, sagte Herr K. zu der Fragestellerin gewandt, „es wird einiges unternommen, um meinen Gemeinsinn auf die Probe zu stellen. Es geschieht zwar vieles davon hinter meinem Rücken, aber es geschieht.“

Die Frau, die ihn nun verstanden hatte, musste lachen und sagte: „Nehmen Sie mir meine Frage nicht übel, Herr K. Ich ziehe sie hiermit wieder zurück.“

© HerrKeiner.com  2. Juli 2020