Dichter-Lesung

Herr K. erhielt einen Anruf von einer Frau, die nachfragte, ob er in ihre Stadt zu einer Dichterlesung kommen könnte. Sie sagte: „Ich bin Mitglied eines Literaturkreises, dem durch Zufall eine Kopie Ihrer Geschichten in die Hände gespielt wurde. Würden Sie uns mit Ihrem Besuch beehren und aus Ihren Geschichten vor­lesen?“

Herr K. fragte, ob denn Gäste erwartet würden, die nicht lesen könnten. „Nein“, antwortete die Frau, „wir würden Ihre Ge­schichten nur gern aus Ihrem Munde hören.“

Herr K. antwortete: „Das macht keinen Sinn, weil es von den Gedanken ablenkt, wenn es von Bedeutung ist, dass der, der sie aufgeschrieben hat, auch persönlich vorträgt. Denn diese sind nicht als Kunststück, sondern als Lehrstück verfasst.“

Als Herr K. merkte, dass er die Frau mit seinen Worten ratlos machte, versuchte er, ihr mit einem Vorschlag weiter zu helfen: „Ich würde gern in ihre Stadt kommen, wenn Sie das Interesse aufbringen könnten, die Gedanken zu besprechen, die in den Keiner-Geschichten vorgetragen werden. Sie würden vielleicht mit mir streiten, doch das wäre sicher nützlicher als bloß meinen Worten zu lauschen.“

Die Frau bedankte sich für diesen Vorschlag und sagte, dass sie diesen in ihrem Arbeitskreis besprechen werde.

© HerrKeiner.com  2. Juli 2020