Der Kohlenhändler und der Staatsschutz

Zu Beginn seines Studiums gehörte der junge K. einer Gruppe an, die von der Religion herkam, sich dieser aber nicht mehr ver­bunden fühlte. Diese Gruppe junger Studenten hatten „Argumente gegen die Kirchen-Gesellschaft“ erarbeitet und nahm einen natio­nalen Kirchentag zum Anlass, ihre Gedanken zu verbreiten.

An der offenkundigen Tatsache, dass dieser Protest nicht mit einer frommen innerkirchlichen Erneuerungsbewegung zu ver­wechseln war, lag es wohl, was den Staatsschutz auf den Plan rief. Wenn der junge K. abends nach Hause fuhr, folgte ihm ein Fahrzeug bis zur Haustür, was am anderen Morgen schon wieder da war, um ihn den ganzen Tag über zu begleiten.

Der junge K. versuchte mit den Beamten ins Gespräch zu kommen, um ihnen vorzuschlagen, gemeinsam eine Fahrge­meinschaft zu bilden, wenn sie schon das gleiche Ziel hatten, aber die Herren gaben keine Antwort. Doch zwei von ihnen sprachen bald bei dem Kohlenhändler vor, der den protestierenden Stu­denten Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hatte, damit diese Transparente, Plakate und Flugblätter für ihre Aktionen auf dem Kirchentag herstellen konnten. Die beiden Staatsschützer for­derten den Kohlenhändler auf, den Studenten umgehend die Tür zu weisen. Als der Kohlenhändler sich weigerte, diesem Ansinnen nachzukommen, sagte einer der Besucher: „Das werden wir uns merken. Dass sie sich so verhalten, wundert uns nicht. Wir wissen aus unseren Unterlagen, dass sie auch schon früher politisch auffällig geworden sind.“

Als der junge K. den Kohlenhändler traf, war dieser noch immer fassungslos, denn mit dem Hinweis auf die mangelnde politische Linientreue in seiner Jugendzeit war seine Beteiligung am christ­lichen Widerstand gegen den Diktator H. gemeint. Der Kohlen­händler sagte: „Mir ist das unbegreiflich. Auf der einen Seite wird der Widerstand gegen die faschistische Diktatur geehrt, auf der anderen Seite steht man in dessen Tradition und bezieht sich positiv auf die alte Aktenlage über politisch Andersdenkende.“

Auch der junge K. war zunächst ratlos, und so versuchten er und der Kohlenhändler gemeinsam, sich diese kleine Staatsschutz-Affäre zu erklären. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass es neben der Abgrenzung von dem Regime des H. auch eine Kontinuität zwischen Vorgänger- und Nachfolgerstaat gab.

Der junge K. fasste dies so zusammen: „Der deutsche Staat hatte einen Krieg verloren und musste sich danach von seinem Amtsvorgänger distanzieren, denn er suchte die Zusammenarbeit mit den west­lichen Sieger-Staaten, welche die Ausrichtung an ihre Herr­schaftsform verlangten. So ehrte er notgedrungen den Widerstand gegen das faschistische Deutschland, ohne zu vergessen, dass es ein Widerstand gegen Deutschland war. Den mag die Demokratie heute genau so wenig wie die Diktatur damals.“

Ein weiteres Ergebnis dieser Diskussion war: Der Kohlenhändler hatte seine Fassung wiedergefunden und war mehr als zuvor auf der Seite der protestierenden Studenten.

© HerrKeiner.com  2. Juli 2020