Der Friseur und die Konkurrenz

Bei einem Gang durch sein Wohnviertel fiel Herrn Keiner auf, dass in unmittelbarer Nähe des Friseurs, bei dem er Kunde war, zwei weitere Friseur-Geschäfte aufgemacht hatten. Herr K. fragte den Friseur, ob die neue Konkurrenz schon zu Einbußen in seinem Geschäft geführt habe. Dieser sagte: „Die Einbußen sind be­trächtlich, selbst alte Stammkunden laufen mir davon. Bei den Neuen ist alles billiger. Die machen die Preise hier in der Gegend kaputt.“

Herr K., der sich mit dem Friseur gut verstand, sagte: „Man sollte nicht erst dann an der Konkurrenz etwas auszusetzen haben, wenn man selbst von dieser negativ betroffen ist. Denn es ist allge­meiner marktwirtschaftlicher Brauch, ohne Absprache und gemeinsame Planung mit den anderen Gewerbetreibenden ein Ge­schäft aufzumachen, das seinen Erfolg nur dadurch erreichen kann, dem bereits ansässigen Geschäft Schaden zuzufügen.“

„Das stimmt“, sagte der Friseur, „es kann sein, dass ich bald nicht mehr in der Lage ein werde, mein Geschäft weiterzuführen.“

„Aber denken Sie nicht bloß als betroffener Friseur, versuchen sie einmal, die Lage objektiv zu sehen. Denn wenn sie sagen, die Konkurrenz macht ihnen die Preise kaputt, so ist das in der herrschenden Wirtschaftsweise nichts Verwerfliches, sondern im Gegenteil ein Erfordernis der Konkurrenz. Das Unterbieten ihrer Preise ist für ihre Konkurrenten das sachgerechte Mittel, auf ihre Kosten zahlungsfähige Kundschaft an Land zu ziehen. Wenn es womöglich gelingt, sie vom Markt zu verdrängen, haben die anderen gewonnen.“

Der Friseur überlegte und sagte: „Das stimmt. Man denkt oft nur in seinen kleinen praktischen Bezügen, aus seiner eigenen persönlichen Warte.“

„Das lässt sich ändern“, sagte Herr K. und frotzelte: „Ärgern Sie sich mal öfter über das System der Marktwirtschaft. Mit solchen ungemütlichen Verhältnissen sollte man sich nicht abfinden.“

Lesetipp:

Des einen Freud, des anderen Leid

© HerrKeiner.com  2. Juli 2020