Berufliches Auswärts-Spiel

Herr K. hatte eine Stelle in einem kleinen Nachbarland ange­nommen. Hier sollte er an zwei Tagen in der Woche etwa dreißig als Legastheniker diagnostizierten jungen Leuten im Alter von 7 bis 23 Jahren die deutsche Schriftsprache beibringen.

Sein Buch zu den Schwierigkeiten des Schriftspracherwerbs hatte er inzwischen fertig gestellt. In einem Gespräch mit der Er­ziehungsministerin des Landes erklärte er ihr, warum er das Buch an der Psychologie „vorbeigeschrieben“ hatte, warum er die Schreibprobleme seiner Klientel über die sachlichen Erklärungen ihrer Sprachprobleme lösen wollte. Die Ministerin war mit diesem Vorhaben einverstanden, hatte aber noch einen Verbesserungsvorschlag, der zeigte, wie gut sie seine Intention verstanden hatte: „Statt des vorliegenden Buchtitels ‚Schriftspracherwerb und Legasthenie’ sollten wir das Wort ‚Legasthenie’ besser durch ‚Lese-Rechtschreibschwäche’(LRS) ersetzen, dann rufen wir vielleicht nicht ganz so viele wichtige Experten auf den Plan.“ Herr K. war einverstanden, und die Ministerin schrieb ein gutes Vorwort zu seinem Buch.

Für die Abhaltung seines Unterrichts hatte Herr K. zur einzigen Bedingung gemacht, dass die Teilnahme nicht als Pflicht, sondern auf der Basis von Freiwilligkeit erfolgen sollte. Herr K. kam mit den jungen Leuten, die verschiedenster Nationalität waren, ins Gespräch, er erklärte das Regelsystem der deutschen Schrift­sprache und regte zum Nachdenken darüber an, wie das richtige Schreiben und Lesen zu bewerkstelligen sei.

Die Schüler, die das Angebot mit Interesse annahmen, merkten an ihren Lernfortschritten, dass ihre Probleme mit dem Schreiben und Lesen mit der Konzentration auf die sachlichen Schwierigkeiten der Sprache zu beheben waren.

Die Eltern der Schüler zeigten sich erfreut und fragten oftmals: „Wie kommt es, dass unser Kind, das überhaupt nicht gern zur Schule geht, mit Freude an Ihrem Unterricht teilnimmt? Was haben Sie, was andere Lehrer nicht haben?“

Herr Keiner antwortete: „Ich habe den Vorteil, kein Lehrer sein zu müssen. Ich setze die Kinder keinem Leistungsvergleich aus, ich sortiere sie nicht und verwende es nicht gegen sie, auch wenn sie zum wiederholten Male etwas nicht wissen. Ich versuche stattdessen mein Angebot zu verbessern, um die vorhandenen Wissenslücken zu schließen. Kurzum: Dieser Unterricht verfolgt nicht die Zwecke einer Schule. Ich helfe den jungen Leuten dabei, das zu verstehen, was sie bisher nicht verstanden haben.  Diese haben daher keinen Grund, diesem Angebot ablehnend gegenüber zu stehen.“

Lesetipp:

Schul-Angst

© HerrKeiner.com  2. Juli 2020