Aufforderung zur Dankbarkeit

Von Menschen, die seine Ansichten nicht teilten, wurde Herr K. oftmals der Undankbarkeit bezichtigt. Man warf ihm vor, bei seiner Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen außer Acht zu lassen, dass gerade diese es ihm ermöglichten, seine Ansichten so frei und unbeschränkt äußern zu können.

Zu diesen Vorwürfen sagte Herr K.: „Wie kann ich dankbar sein für Verhältnisse, die es mir großzügig erlauben sie zu kritisieren. Wäre ich dankbar, wäre mir der Inhalt meiner Kritik nicht wichtig; mir wäre die Erlaubnis, kritisieren zu dürfen wichtiger als das, was ich zu sagen habe. Danach steht mir nicht der Sinn.“

„Aber Herr K., spricht es nicht für die freiheitliche Demokratie, dass diese die Äußerung von Gedanken erlaubt, die in anderen Herrschaftsformen mit Macht unterdrückt werden?“

Darauf antwortete Herr K.: „Mir ist nicht wichtig, meine Gedanken äußern zu dürfen. Mir ist wichtig, dass sie praktische Folgen haben. Und in dieser Frage unterscheiden sich die Herrschaftsformen nicht sonderlich: Sie tun alles in ihrer Macht Stehende, um dafür zu sorgen, dass die Kritik an den herrschenden Verhältnissen folgenlos bleibt. Sie sehen also“, fuhr Herr K. fort: „Zur Dankbarkeit besteht nicht der geringste Anlass“.

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Über das bloße Meinen

© HerrKeiner.com  2. Juli 2020