Amerikanischer Alptraum

Herr K. war zu Besuch bei Freunden, als er die Bilder im Fern­sehen sah, wie das mächtigste Land der Freiheit von seinen Geg­nern empfindlich getroffen wurde. Er wurde blass, denn er bekam es mit der Angst zu tun. Er ahnte, was auf die Welt zukam, wenn diejenige Nation, die auf ihrem Territorium noch nie etwas Ver­gleichbares erfahren musste, auf Rache sinnt. Das war schon einmal fürchterlich ausgefallen, als im letzten großen Krieg ihre Kriegsflotte auf der Insel H. erfolgreich angriffen wurde. Das endete mit dem Abwurf der Atombombe auf das Land, das es gewagt hatte, der amerikanischen Macht in dieser Weise die Stirn zu bieten.

Er sagte zu seinen Freunden: „Die werden eine weltweite Hetz­jagd veranstalten, ihre Soldaten in jeden Winkel dieser Erde schicken, sie werden die ganze Staatenwelt auf ihr nationales Interesse, den Kampf gegen den Terrorismus, einschwören. Das wird viele, viele Tote geben, um ein Vielfaches mehr, als bei der ‚9/11- attack‘ ums Leben gekommen sind, um so die Welt davon zu überzeugen, dass jeder Widerstand gegen amerika­nisches Interesse keine Chance hat.“

Herr G., der die Zukunftsprognose des K. für übertrieben hielt, sagte: „Ich sehe nicht ganz so pessimistisch in die Zukunft, schließlich gibt es ja noch das Internationale Recht. Darüber kann sich auch eine so mächtige Nation wie die USA nicht so einfach hinwegsetzen.“

„Da täuschen Sie sich“, antwortete Herr K. „Das Recht gilt nur dort uneingeschränkt, wo die Gewaltfrage geklärt ist. Das ist im Innern der Nationen in der Regel der Fall, denn hier übt der Staat sein Monopol auf Gewalt unbestritten aus. Doch auf dem Felde der zwischenstaatlichen Beziehungen sieht die Sache anders aus: Das Internationale Recht gilt nicht, weil es keinen Welt-Gewalt­monopolisten gibt, der es widerspruchslos sichert. Hier ist die Durchsetzung des Rechts eine offene Gewaltfrage zwischen den Nationen, da wird nicht das Gesetzbuch befragt, was man zu tun und zu lassen hat.“

Nach diesem Austausch ihrer Zukunftsprognosen verabschiedeten sich die Freunde voneinander, sie redeten in der darauffolgenden Zeit noch viel über dieses Thema.

Eines Tages sagte Herr G.: „Ich habe gelesen, dass die USA mit ferngesteuerten Flugkörpern Jagd auf Terroristen machen und bei diesen Anschlägen auch viele unschuldige Zivilisten ums Leben kommen. Doch auch die Schuld der Schuldigen ist nicht be­wiesen. Wie auch: Sie haben kein Recht auf eine Gerichtsver­handlung, kein Recht auf einen Anwalt. Sie werden mitsamt Familie oder Freunden einfach auf Verdacht getötet, auf Knopfdruck der Einsatzleitung in der amerikanischen Glücks­spielstadt Las Vegas.“

Herr Keiner erkundigte sich, was Herr G. mit seinen Worten zum Ausdruck bringen wollte. Dieser sagte: „Ich habe dies als Beispiel dafür angeführt, dass sie damals mit ihrer pessimistischen Zukunftsprognose Recht hatten.“

„Ja, leider“, antwortete Herr K. „Aus ihrem Alptraum haben die Amerikaner einen Alptraum für ganze Völkerscharen gemacht.“

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Kampf gegen das Böse

© HerrKeiner.com  2. Juli 2020