Aktiv und Passiv

Bei einem Spaziergang traf Herr K. den zwölfjährigen H., der in seiner Nachbarschaft wohnte und mit dem er schon einige Male ins Gespräch gekommen war. Der Junge beklagte sich darüber, dass gerade ein neues Schuljahr begonnen habe und er nach dem neuen Stundenplan, die Zeit für Hausaufgaben eingerechnet, weit über 40 Stunden in der Woche für die Schule aufbringen müsse. Da würde er lieber in dem Nachbarland X aufwachsen und dort zur Schule gehen, sagte der Junge, denn da gebe es zumindest mehr Ferien als hierzulande.

Als der Junge sah, dass Herrn K. diese Begründung einleuchtete, fuhr er fort: „Doch alle Erwachsenen, denen ich von meinem Wunsch erzählte, wiesen mich zurecht und sagten zu mir, dass ich nun einmal hierher gehöre und deshalb lernen müsse, mit den Regeln dieses Landes zurecht zu kommen.“

„Ja, das ist so eine Sache mit der Zugehörigkeit zu einem Land“, antwortete Herr K., „da wird man nicht gefragt, man wird einfach zugehörig gemacht.“ Doch man konnte im Gesicht von Herrn K. sehen, dass er Zweifel hatte, ob der zwölfjährige H. seine Worte verstanden hatte. Der Junge, der dies bemerkte, sagte: „Machen Sie sich keine Sorgen, Herr K., ich glaube, ich habe sie gut ver­standen, Sie haben für ihren Satz die Passiv-Form gewählt, die haben wir gerade in der Schule durchgenommen.“

Und wie zum Beweis, dass er die Worte von K. richtig verstanden hatte, fügte der Junge hinzu: „Ich muss jetzt los, ich bin mit anderen Jungen zum Fußballspielen verabredet. Das sind meine Freunde, die habe ich mir selbst ausgesucht.“

Herr K. wünschte viel Spaß und setzte, erfreut über diese Begeg­nung, seinen Spaziergang fort.

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© HerrKeiner.com  2. Juli 2020