Zum Buch von Thomas Steinfeld über die „Gedanken des Karl Marx“

Viel Erhellendes über die politische Ökonomie des Kapitalismus

Die in Buchform vorliegenden Essays von Thomas Steinfeld, ehemals Feuilleton-Chef der SZ, über die Gedanken des Karl Marx sind zunächst einmal sehr bemerkenswert. Denn der Autor kommt aufgrund des Studiums der Schriften von Marx zu dem Schluss, dass dessen radikale Kritik am Kapitalismus in den wesentlichen Punkten nicht nur richtig war, sondern immer noch ist, also auch rund 150 Jahre nach der Veröffentlichung des „Kapital“ auf den weltweiten Kapitalismus in seiner heutigen Form zutrifft. Es gibt sie heute wie damals, die von Marx kritisierte Welt der Ausbeutung, die auf der „Trennung von Arbeit und Eigentum“ beruht, und Steinfeld unterstreicht die Marxsche Auffassung, dass das kapitalistische Wirtschaften als eine „Politische Ökonomie“, also als „etwas Gewolltes und mit staatlicher Macht Durchgesetztes zu begreifen“ sei (S.22).

Dass man also Marx lesen sollte, wenn man die polit-ökonomischen Gesetzmäßigkeiten der herrschenden Wirtschaftsweise verstehen will, ist für Steinfeld auch deshalb unabdingbar, weil er in den an den Universitäten gelehrten Wirtschaftswissenschaften nichts als eine „Glaubenslehre unserer Tage“ sieht, welche die Abläufe in der kapitalistischen Marktwirtschaft nicht nach Ursachen und Zusammenhängen analysiert, sondern die Wirtschaft „zuvörderst nach gegebenen Chancen beurteilt und sich mit dem Erfolgsstreben der dahinter Agierenden so selbstverständlich gemein macht, als sei es ihr eigenes Anliegen.“ (S.22) Und genauer noch an anderer Stelle:

„Ganz so, als bestünde Wissenschaft nicht in der Erklärung eines Gegenstandes, sondern in der Begeisterung für dessen Wirkung.“ (S.84)

Steinfeld verdeutlicht diese Kritik an dem Gegenstand namens Geld, das z.B. in der Volkswirtschaftslehre des amerikanischen Nobelpreisträgers Samuelson lapidar als „eine Art Schmiermittel“ erklärt wird, „das den Waren- und Dienstleistungsaustausch erleichtert“ (S.22). So wird auch in allen anderen „Erklärungen“ der modernen Wirtschaftswissenschaften so getan, als wäre das Geld als das probate Mittel erfunden worden, um ein Wirtschaften zum Wohle aller „Marktteilnehmer“ zu gewährleisten. So sieht Steinfeld ein „eigenartiges Missverhältnis“ zwischen der Macht, die das Geld im Leben nicht nur eines jeden Menschen, sondern auch im „Dasein von Gesellschaften und Staaten“ darstellt, und dem „Stand der Reflexion über ebendiese Macht“ (S.70).

Sicher, dieses „Missverhältnis“ ist nicht zu bestreiten, doch Steinfeld belegt mit seinen weiteren Ausführungen über den Gegenstand Geld und seiner Verwandlung in Kapital, dass von den wissenschaftlichen und anderen Parteigängern dieses Systems wohl keine Behebung besagten „Missverhältnisses“ zu erwarten ist. Denn im Geld steckt – das hat Steinfeld von Marx gelernt – die „Gewalt des Ausschlusses“, und diese Aussage steht ersichtlich konträr zu dem, was landläufig über die Vorzüge des Wirtschaftens mit Geld verbreitet wird.

„Denn mit Geld umgehen zu müssen, bedeutet für die Mehrheit der Menschen, dass sie sich sehr viele Dinge nicht kaufen können, auch wenn sie es gerne täten.“ (S.68)

Für besagte Mehrheit der Menschen, die nicht über das benötigte Geld verfügt, bedeutet das zudem, dass ihre Notlage sie überall auf der Welt in besonderer Weise erpressbar macht: gegenüber den Eigentümern von Produktionsmitteln, deren Interessen sich die Besitzer bloßer Arbeitskraft beugen müssen, um so den Versuch zu machen, ihr Überleben in diesen Verhältnissen zu sichern.

„Der wesentliche Unterschied zwischen dem bloßen Eigentum an Arbeitskraft und dem Eigentum an Produktionsmitteln besteht darin, dass das eine veräußert wird, um sich selbst zu reproduzieren, während das andere eine Investition darstellt: Es wird eingesetzt, um sich zu vermehren, und zu diesem Zweck bedient es sich der Arbeitskraft anderer Menschen.“ (S.115)

So stimmt Thomas Steinfeld Marx explizit zu, wenn dieser vom Eigentum sagt, dass es auf der Seite des Kapitalisten als das Recht erscheine, „fremde unbezahlte Arbeit oder ihr Produkt, auf Seite des Arbeiters als die Unmöglichkeit, sich sein eigenes Produkt anzueignen“:

„Darin besteht der kategoriale Unterschied zwischen den beiden Arten von Eigentum.“ (ebenda)

… wie über das falsche Bewusstsein der geschädigten Mitmacher

Dass Steinfeld in einem ganz anderen Sinne über Ausbeutung redet, als es in der gegenwärtigen öffentlichen Berichterstattung geschieht, ist ihm keineswegs verborgen geblieben. Er hält diese Kritik an der kapitalistischen Ausbeutung für moralisch, also nicht für eine Kritik, die sachlich auf die herrschenden Interessensgegensätze verweist, sondern den Kapitalismus als eine Art Gemeinschaftswerk auffasst, an dessen guten Spielregeln sich immer wieder Einzelne aus „Habgier“ vergehen.

„Überhaupt reden die Menschen gern von ‚Ausbeutung‘, wenn kollektive Vereinbarungen zum Lohn unterlaufen werden – so, als gäbe es oberhalb einer Grenze, die etwa durch Minimallohn oder einen Tarifvertrag abgesichert ist, keine Ausbeutung.“ (S.74)

Steinfeld hält auch nichts von dem Gerede über „die Gewinner und Verlierer der Globalisierung“, weil dabei das kapitalistische System „allenfalls im Hintergrund“ vorkommt und die weltwirtschaftliche Konkurrenz als „spielerischer Wettbewerb“ verklärt, also als etwas ganz und gar Selbstverständliches behandelt wird:

„Gewinner und Verlierer treten erst dann auf, wenn es keine Parteien oder Ideologien mehr gibt, sondern alle Menschen Teil desselben Betriebs sind, über dessen Grund und Herkunft keine Auskunft mehr zu erteilen ist. Aber wer sind diese Menschen? Sind sie Teilnehmer eines Glückspiels, in das jeder investiert, was er gerade zu bieten hat? Worauf sich dann nach Maßgabe von Angebot und Glück entscheidet, ob jemand reich werden darf oder in die Armut absinkt?“ (Ebenda)

Gegen dieses verbreitete falsche Bewusstsein verweist Steinfeld auf die kapitalistische Kostenrechnung, die zielstrebig dafür sorgt, „dass es viele Menschen etwas kostet, wenn wenige mit ihnen wirtschaften“. (S.76)

Warum sich in dieser Welt einer globalisierten kapitalistischen Ausbeutung nur Klagen moralischer Empörung und damit gerade keine Gegnerschaft zum System des Kapitalismus bemerkbar macht? Einen wesentlichen Grund dafür sieht Steinfeld in der Praxis der Arbeiterbewegung selbst, nämlich im „Aufstieg der Arbeit zu einem Kultgegenstand der Arbeiterbewegung“, was den Gegensatz von Kapital und Arbeit in den Köpfen der Menschen zum Verschwinden bringt. Wobei er noch hätte dazu sagen sollen: und diese Arbeiter eben deshalb zum verehrten Objekt übergeordneter Interessen macht:

„So weit geht die Wertschätzung für die Arbeit, dass es ausreicht, von ‚hart arbeitenden Menschen‘ oder ‚hard working women or men‘ zu sprechen, um Hochachtung nicht nur einzufordern, sondern auch tatsächlich zu ernten. Ganz so, als wäre es gleichgültig, woran die solcherart gelobten Menschen arbeiten, wozu ihre Arbeit gut ist und wem sie nützt – oder wer an ihr verdient.“ (S.140)

So werden heutzutage Menschen geehrt, gerade weil sie nicht mehr arbeiterbewegt, sondern in ihrem Bewusstsein rundum nationalisiert sind und bleiben sollen, als diejenigen, die nicht danach fragen, was sie von den herrschenden Verhältnissen haben. Und so kann man aus den Ausführungen von Steinfeld durchaus herauslesen, dass der Unterschied zwischen „linken“ und „rechten“ Arbeitern, so sie allesamt „gute Staatsbürger“ sein wollen, gar nicht sonderlich groß ist, denn auch die „Rechten“ entwickeln

„ihren eigenen Idealismus vom ‚guten‘ Staat, weshalb sie sich vom gegenwärtigen betrogen fühlen und ihr Recht einklagen wollen, als eingeborene Bürger der Nation von dem dazugehörigen Staat bevorzugt behandelt zu werden gegenüber jenen, die aus anderen Nationen zugewandert sind. Wenn man so will, ist dieser Nationalismus auch eine Art von Antikapitalismus, aber der reaktionären Art.“ (S.147)

Sicher ist jedenfalls, dass diese aus dem Geist des Nationalismus rührende Abneigung gegen Flüchtlinge bei den Geschädigten des herrschenden Systems weit verbreiteter ist, als es sich in Stimmen für die Partei namens AfD niederschlägt.Dazu abschließend Thomas Steinfeld:

„Über sie alle wäre, im Sinne von Karl Marx und dessen Theorie des ‚falschen Bewusstseins‘ zu sagen, dass sie mit hohem Einsatz gegen ihre eigenen Interessen arbeiten.“ (S.145)

Wohl wahr.

Das „Begreifen“ der Verhältnisse – im wohlverstandenen Sinne bürgerlicher „Selbstaufklärung“?

Durch die Befassung mit den Gedanken des Karl Marx weiß der Autor Steinfeld, dass Marx zu Einsichten über die politische Ökonomie des Kapitalismus kam, die ihn zum entschiedenen Gegner der herrschenden Produktionsweise machten. Der mit seinen Argumenten dafür warb, dem Kapitalismus durch einen gesellschaftlichen Umsturz ein Ende zu machen. So wendet sich Steinfeld am Beispiel der heutigen „Occupy-Bewegung“ deutlich gegen eine Kritik am Kapitalismus, die immerzu mit dem „moralischen Appell an die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik aufwartet, diese Welt doch bitte nicht zugrunde zu richten:

 „Zumal sich eine solche Beschwerde nie anders darstellt, als der Versuch, bei höheren Mächten etwas einzuklagen. Und das sind ausgerechnet die Mächte, die an der Herstellung der beklagten Zustände den größten Anteil haben.“ (S.263)

Mit dieser Kritik an einem moralisch befangenen Protest im System legt Steinfeld eigentlich den Gedanken nahe, dass die „Gedanken des Karl Marx“ auch und gerade mit ihren praktischen Konsequenzen gegen das System mit seinen „höheren Mächten“ auch heute noch aktuell sein müssten.

Doch diese sich aufdrängende Schlussfolgerung will Steinfeld nicht ziehen, jedenfalls nicht so ohne Weiteres. Er räsoniert stattdessen drüber, ob man mit richtigem Wissen den herrschenden Verhältnissen besser „beikommt“ als mit moralischen Appellen:

„Ob Begreifen dagegen mehr hilft, ist nicht gewiss – mit einer, allerdings entscheidenden Ausnahme: Man weiß, woran man ist. Wenn das Wichtigste begriffen ist, kann man sich ja überlegen, was danach zu tun sein wird.“ (S.265)

Das ist schon komisch, denn selbstredend weiß auch Steinfeld, dass man mit dem wissenschaftlichen „Begreifen“ ein „gewalttätiges Gemeinwesen“ zwar durchschauen, aber diesem so nicht „beikommen“ kann. Doch diese Banalität scheint ihn nicht weiter zu interessieren. Steinfeld ist vielmehr darauf aus, ein „Begreifen“ des Kapitalismus an und für sich für etwas sehr Fortschrittliches zu halten, weil er nämlich neben allem anderem Übel noch ein weiteres, nämlich ein „Versagen“ bürgerlicher „Selbstaufklärung“ ausgemacht hat:

„Es ist nicht hinzunehmen, dass die Mechanismen des Marktes und die Regungen des Kapitals als Rätselfiguren erfahren werden, an deren Auflösung alle Selbstaufklärung neuzeitlicher Gesellschaften versagt.“ (S.265)

Nein, ein solches „Versagen“ in Sachen „Aufklärung gibt es nicht und passt auch so gar nicht zusammen mit dem, was Steinfeld an anderer Stelle über die Notwendigkeit eines „falschen Bewusstseins“ in diesen Verhältnissen dargelegt hat. Wo er auch nicht nebulös von „neuzeitlichen Gesellschaften“, sondern von den Nutznießern einer Ökonomie der Ausbeutung spricht, die ein berechnendes Interesse an falschen Gedanken in den Köpfen der Geschädigten in diesem Laden haben.

Will uns der Autor zum guten Schluss seiner Ausführungen damit sagen, dass seine Befassung mit den Gedanken des Karl Marx im bestverstandenen Sinne einer bürgerlichen „Selbstaufklärung“ verpflichtet ist? Das allerdings wäre sehr ärgerlich, denn damit würde Thomas Steinfeld seine Ausführungen ausgerechnet vor den gesellschaftlichen Verhältnissen rechtfertigen, die er zuvor mit den Gedanken von Marx gründlich kritisiert hat.

 

Alle verwendeten Zitate aus:

Thomas Steinfeld, Herr der Gespenster – die Gedanken des Karl Marx, München 2017 (Hanser-Verlag)

© HerrKeiner.com  19. November 2017